Interessiert das eigentlich noch jemanden? 

Was wäre, wenn wir noch genauso wohnen würden wie vor 150 Jahren? Uns genauso fortbewegen müssten? Nur einmal im Jahr die Großstadt per Kutsche verlassen würden um eine Tagesreise entfernt vor der drückenden Hitze in die Sommerfrische fliehen? Wenn wir unsere Korrespondenz mit dem Füllfederhalter erledigen würden und alle Rechenaufgaben im Kopf? Wenn Frauen kein Wahlrecht hätten, keine öffentlichen Ämter bekleiden dürften oder frei ihren Beruf wählen könnten? 

Es gibt kaum einen Bereich in unserer Gesellschaft, der seit dem 19. Jahrhundert so wenig Veränderung erfahren hat wie das „klassische“ Konzert. Zum Konzertbesuch betreten wir in der Regel am Abend tempelartige Gebäude, die speziell für den Genuss des Hörens gebaut wurden - ausschließlich dafür. Solisten, Orchestermusiker und Dirigenten tragen ein heute eigentlich merkwürdig anmutendes Kleidungsstück, und auch das Publikum ist in der Regel „gut angezogen“. 

Die Männer auf der Bühne sind in der Regel in der Mehrheit, Dirigentinnen gibt es nach wie vor kaum. Auf eine Ouvertüre folgt ein Instrumentalkonzert, darauf die Pause und darauf wiederum die Sinfonie. Nach jedem Stück wird artig geklatscht. 

Im 19. Jahrhundert machte das steife Ritual der Konzerte Sinn: Man zeigte sich gut angezogen in gewissen gesellschaftlichen Kreisen, man war kunstsinnig – oder sogar kunstfördernd. Und man orientierte sich nach oben, Autoritäten zählten noch. Man siezte seine Eltern, war sich – vor allem in der Abgrenzung nach oben wie unten – seines Standes bewusst, und der Kaiser war die zweithöchste Instanz vor dem Lieben Gott. 

Heute haben immer mehr Menschen Berührungsängste mit Klassik-Konzerten. Sie gelten als steif und elitär - und sind es meistens auch. Noch in der Generation meiner Eltern, die in den frühen 60er Jahren zum Establishment einer norddeutschen Kleinstadt aufgestiegen sind, gehörte das Konzertabonnement zum guten Ton. Man ging hin, alle anderen gingen ja auch. Aber heute? 

Dabei kann das Konzert, wenn man mit der Form kreativ umgeht, zwei zentrale Bedürfnisse des gestressten, ewig gehetzten Multitasking-Menschen stillen: Das Bedürfnis nach Aus-Zeit und Kontemplation als Gegenpol zum durchhetzten Alltag und das Bedürfnis nach Resonanz.

Dabei kann das Konzert, wenn man mit der Form kreativ umgeht, zwei zentrale Bedürfnisse des gestressten, ewig gehetzten Multitasking-Menschen stillen: Das Bedürfnis nach Aus-Zeit und Kontemplation als Gegenpol zum durchhetzten Alltag und das Bedürfnis nach Resonanz. Der Soziologe Hartmut Rosa hat sehr überzeugend auf diese beiden wesentlichen Phänomene unseres modernen Lebens hingewiesen: Die Kluft zwischen der technologisch möglichen Beschleunigung unseres Tuns und dem menschenmöglichem Tempo wird immer größer. Das heißt, wenn wir es schaffen würden, könnten wir noch schneller kommunizieren, noch schneller mit einem auf die ganze Welt verteilten Team online am gleichen Projekt arbeiten, und neben Telefon, email und Facebook noch mindestens zwei weitere Kommunikationskanäle ständig offenhalten und gleichzeitig bearbeiten. Wir haben das Gefühl, niemals Zeit zu haben und versuchen, unsere Zeit „zu managen“ und damit das Maximale aus ihr herauszuholen. Aber wir können die gesparte Zeit nicht nutzen, weil die Anforderungen an uns immer größer werden. 

Das zweite Phänomen beschreibt Rosa als Sehnsucht nach Resonanzerfahrung. Wir wollen nicht mit uns allein sein, immer mehr Menschen fürchten das zurück geworfen werden auf sich selbst. Facebook ist der vielleicht der stärkste Ausdruck dieses Phänomens: Wie viele Likes bekommt mein neues Profilfoto? Wer schreibt einen Kommentar? Wir halten es nicht aus, alleine zu sein – ohne Smartphone und mit ständiger Verbindung zur Außenwelt geht nichts mehr. Und trotzdem sehnen wir uns nach der Flucht, nach Abschalten ohne Mails, Stromausfall, Bergwandern, Segeln, anderen Zeiterfahrungen. 

Wir sollten das Konzert nicht mehr als primär von seinem ästhetischen Genuss her definieren, sondern auch von seinen Chancen, auf die Bedürfnisse unserer Zeitgenossen zu reagieren. Konzerte können eine inspirierende Auszeit anbieten, ein Abschalten zugunsten einer Begegnung mit uns selbst. In einer Gruppe, die Ähnliches erlebt. Eine Resonanzerfahrung. Wir müssen Wege finden, die Aufführung von Musik in Beziehung zu alltäglichen Erfahrungen zu setzen, zu unseren Sehnsüchten, Erinnerungen, Ängsten. Dann ist das Konzert wieder wichtig. Und interessant.

 

Autor: Folkert Uhde